Seminar: Dummheit oder ästhetische Gebrauch eines unbarmherzigen Makels (dp 16-18 Uh) - Details

Seminar: Dummheit oder ästhetische Gebrauch eines unbarmherzigen Makels (dp 16-18 Uh) - Details

Allgemeine Informationen

Veranstaltungsname Seminar: Dummheit oder ästhetische Gebrauch eines unbarmherzigen Makels (dp 16-18 Uh)
Semester WiSe 2026/27
Aktuelle Anzahl der Teilnehmenden 24
maximale Teilnehmendenzahl 24
Wartelisteneinträge 1
Heimateinrichtung Germanistisches Institut
Veranstaltungstyp Seminar in der Kategorie Offizielle Lehrveranstaltungen
Nächster Termin Donnerstag, 29.10.26, 16:15 - 17:45 Uhr Seminarraum 21 (Raum E.04) [LuWu 2]
Teilnehmende Modul Master/LA: Literaturgeschichte. Vertiefungsmodul
Modul Master: Literaturgeschichte / Themen, Stoffe, Motive
Modul Master: Theorie, Geschichte und Arbeitsfelder der Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Modul Master: Weltliteratur
Modul Master: Deutschsprachige Literatur: Imagination, Produktion, Poetik
Modul Master I (LA Gym., 1.und 2. Fach; LA Sek., 1. Fach; LA Fö/Sek.,1. Fach)
Modul Master II (LA Gymn. 1. Fach
Lehrsprache(n) Deutsch
Studiengänge (für) B.A. DSL 60/90
LA Gymn./LA Sek. u. Fö
Masterstudiengänge
SWS 2

Modulzuordnungen

Kommentar/Beschreibung

Dummheit gehört wohl zu den verhängnisvollsten Stigmata unserer Zeit. Die Diskussion über die Hochbegabung bestätigt dieses apodiktisch wirkende Urteil. Jeder möchte ein hochbegabtes Kind haben, sei es auch noch so neurotisch. Für ein dummes Kind bleibt nur Scham. Der Intelligenztest fällt ein schicksalsmächtiges Urteil, das über das zukünftige Wohl und Wehe des Kindes entscheidet. Der Staat wünscht sich kluge und intelligente Bürger; nur sie sichern Produktivität. Es ist stets im Interesse der unterschiedlichen Institutionen, untrügliche Kennzeichen zu finden, an denen man das Kainsmal der Dummheit festmachen kann. Es ist so vielleicht nicht zufällig, dass am Beginn des modernen Nationalstaats Lavater die Wissenschaft der Physiognomie entwickelt, die Lichtenberg zu Recht als unwissenschaftlich demaskiert. Eine niedrige Stirn, wulstige Lippen, enganliegende Augen oder ein niedriger Haaransatz werden für Lavater, der als Vordenker des Rassismus gilt, sinnliche Indices der Dummheit. Heute nehmen, statt dieser Indices, Intelligenztests die Rolle ein, Dummheit messbar zu machen. Wie Enzensberger in seinem Idiotenführer jedoch feststellt, sind diese Tests fraglich, weil sie Klugheit mit Bildung verwechseln. Ist jedoch, so Enzensberger, Bildung, und in diesen Tests wird zumeist Halbbildung abgefragt, ein Kennzeichen von Intelligenz? Und was versteht man wiederum unter Dummheit, nach der in diesem Seminar gefragt werden soll?
Wenn ich wiederum Dummheit zu definieren hätte, würde mir spontan und willkürlich folgende Liste einfallen: Geistesschwäche, Stumpfsinn, Verstocktheit, Torheit, Geistesverwirrung, unkritische Selbstüberheblichkeit, Spezialistentum, Emotionalität, Lebensuntauglichkeit oder Naivität. Diese unvollständige Liste macht blitzartig klar, wie unmöglich es zu sein scheint, eine präzise Begriffsbestimmung vorzunehmen. Was hat, so könnte man nachfragen, Stumpfsinn mit Sturheit, Naivität mit Spezialistentum oder Dumpfheit und Geistesschwäche mit Naivität zu tun? Man könnte bestenfalls sagen, alle aufgelisteten Eigenschaften sind durch das Prinzip einer unähnlichen Ähnlichkeit miteinander verbunden. Wittgenstein spricht in seinen Philosophischen Untersuchungen von einer Familienähnlichkeit, die Begriffsdefinitionen durchziehen. Begriffe habenkeine essentialistischen Bedeutungen und keine präzis angebbaren Grenzen. Doch wie soll man mit einem Begriff umgehen, der so missverständlich ist? Aus diesem Dilemma zeigt Wittgenstein einen Ausweg, der gerade für das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft entscheidend werden kann. Im häufig zitierten Paragraph 43 schreibt Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Es ist sinnlos, nach der exakten Bedeutung eines Wortes zu suchen; stattdessen, gilt es zu schauen, wie ein Begriff verwendet wird. In unserem Fall heißt das, wie Dummheit in den von uns zu untersuchenden Werken erscheint.
Bei der Interpretation der Werke fällt auf, dass dort Dummheit als ein Grenzbegriff erscheint, der jedoch immer wieder die Grenzlinien zur Rationalität und Vernunft überschreitet. Robert Musil unterscheidet so zwischen einer höheren Dummheit und einer ehrlichen Dummheit, die man verkürzt als ein physiologisches Defizit beschreiben könnte. Höhere Dummheit dagegen bedeutet, dass es eine dumme Klugheit und dementsprechend auch eine kluge Dummheit gibt. Eine dumme Klugheit ist für Montaigne eine Rationalität, die nicht durch den Vorgang der Selbstreflexion die eigene Dummheit als Begrenztheit einbekennt. Klug ist nur, wer sich gleichzeitig als dumm versteht. Umgekehrt zeigen die Trickster, die Narren und Schelme, dass Dummheit klug sein kann. Entweder wird die Dummheit zu einer raffinierten Überlebensstrategie oder sie demaskiert die Verdinglichung gesellschaftlicher Strukturen. Der Soldat Schwejk vereinigt so Klugheit und Dummheit in einer Person. Der Begriff der Dummheit wird also in der Literatur gerade durch seine nicht festzulegenden Grenzen zu einer Maßeinheit, mit der es unseren Autoren gelingt, die abendländische Rationalität zu durchmessen.
Die noch vorläufige Liste der Autoren lautet: Wittgenstein, Adorno, Enzensberger, C. G. Jung, Eulenspiegel, Erasmus von Rotterdam, Montaigne, Voltaire, Lichtenberg, Arendt, Heine, Flaubert, Kafka, Musil, Hasek, Steinbeck, Brautigan und Kracht.

Anmelderegeln

Diese Veranstaltung gehört zum Anmeldeset "Beschränkte Teilnehmendenanzahl: Dummheit oder ästhetische Gebrauch eines unbarmherzigen Makels (dp 16-18 Uh)".
Folgende Regeln gelten für die Anmeldung:
  • Es wird eine festgelegte Anzahl von Plätzen in den Veranstaltungen verteilt.
    Die Plätze werden in der Reihenfolge der Anmeldung vergeben.
  • Die Anmeldung ist möglich von 05.09.2026, 10:00 bis 30.11.2026, 23:59.