Seminar: Von gesellschaftlichen Grenzgängen und gespaltenen Identitäten: Soziologische Perspektiven in der französischen Erzählliteratur (Annie Ernaux, Édouard Louis, Marion Messina u.a.) - Details

Seminar: Von gesellschaftlichen Grenzgängen und gespaltenen Identitäten: Soziologische Perspektiven in der französischen Erzählliteratur (Annie Ernaux, Édouard Louis, Marion Messina u.a.) - Details

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Allgemeine Informationen

Veranstaltungsname Seminar: Von gesellschaftlichen Grenzgängen und gespaltenen Identitäten: Soziologische Perspektiven in der französischen Erzählliteratur (Annie Ernaux, Édouard Louis, Marion Messina u.a.)
Untertitel Aufbaumodul Französische Literaturwissenschaft 3 - Analyse und Interpretation
Veranstaltungsnummer ROM.02677.05
Semester SoSe 2025
Aktuelle Anzahl der Teilnehmenden 5
erwartete Teilnehmendenanzahl 12
Heimat-Einrichtung Institut für Romanistik
Veranstaltungstyp Seminar in der Kategorie Offizielle Lehrveranstaltungen
Erster Termin Montag, 07.04.2025 18:00 - 20:00, Ort: Seminarraum 6 (R.E.62) [EA 26-27] Active Learning Space
Lehrsprache(n) Deutsch

Modulzuordnungen

Kommentar/Beschreibung

Worum wird es gehen? – INHALTLICHER ANSATZPUNKT

Die gängige Idee des sozialen Aufstiegs legt nahe, dass Menschen durch besondere Leistungen ihre Position innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges, einschließlich der damit verbundenen Lebensumstände kontinuierlich aus eigener Kraft verbessern können. Ihren formelhaften Niederschlag findet diese Annahme wohl im Begriff des american dream, dessen Kernbotschaft ein sinnstiftendes Metanarrativ für zahlreiche kulturelle Gemeinschaften lieferte und weiterhin liefert. Denn die Überzeugung, dass Fleiß, Leistungswille und beständige Selbstoptimierung in einem Sozialgefüge mit vermeintlich absoluter Chancengleichheit die elementaren Kriterien für den individuellen Erfolg darstellen, lässt sich auf das Selbstverständnis aller Gesellschaften übertragen, die ein meritokratisches Grundprinzip vertreten – und somit auch auf die europäischen Länder.
Während neben fiktiven Beispielen nicht selten auch reale Aufsteiger – wie etwa die des Starbucks-Gründers Howard Schultz – für die Gültigkeit des Aufstiegsversprechens herangezogen werden, lässt sich in der französischen Literaturlandschaft jedoch eine Art Gegenbewegung zum Imaginären des ‚perfekten Aufstiegs‘ verzeichnen: Im Gefolge der einflussreichen Studien Pierre Bourdieus, der vor allem die sich reproduzierenden Ungleichheitsmechanismen innerhalb der französischen Gesellschaft mit sozialwissenschaftlichen Methoden untersuchte, wendet sich schließlich auch die Literatur seit Anfang der 1980er Jahre verstärkt diesem Problemfeld zu, indem sie die Schattenseiten der sogenannten transclasses (Klassenübergänger) mit ihren eigenen ästhetischen Mitteln beleuchtet. So stellen Annie Ernaux, Edouard Louis, Didier Eribon sowie Marion Messina – an die jeweils eigenen Biographien angelehnte – Protagonist*innen in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen, die infolge eines bereits durchlebten oder anvisierten Aufstiegs unter einer doppelten Nicht-Zugehörigkeit leiden: Von ihrer Herkunft entfremdet und gleichzeitig in beständiger Distanz zum Zielmilieu bewegen sich die Figuren in einem sozialen Zwischenraum, den sie als identitäre Spaltung verspüren. Allerdings verschafft dieser ‚Schwebezustand‘ den Figuren einen einzigartigen Blickwinkel auf die Gesellschaft, über den sie Codes und stereotype Verhaltensweisen verschiedener sozialer Klassen besonders deutlich in den Blick nehmen können. Somit werden die Protagonist*innen nicht nur als Betroffene eines blockierten Übergangs modelliert, sondern sie dienen ebenso als Sprachrohre weitergehender – oft soziologischer – Ausführungen und reflektieren kritisch die objektiven Mechanismen gesellschaftlicher Ungleichheit. Die Romane tangieren demzufolge auch politische Fragestellungen. Der zeitdiagnostische Gegenwartbezug sowie die besondere Kombination von erzählenden mit soziologischen Strukturelementen sind ohne Zweifel wesentliche Gründe für den anhaltenden Erfolg der Romane – und nicht weniger gute Gründe, um sich den Texten aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive zu nähern …


Was und wie lesen wir? - UNTERSUCHUNGSGEGENSTÄNDE UND LEITFRAGEN

In dem Seminar werden wir die Romane …
- Annie Ernaux: La Place
- Edouard Louis: En finir avec Eddy Bellguelle
- Didier Eribin: Retour à Reims
- Marion Messina: Faux départ …

…bezüglich der folgenden Leitfragen analysieren, interpretieren und – in immer wieder vergleichender Perspektive – diskutieren:
- Wie lassen sich sozialwissenschaftliche Untersuchungen für die Analyse der Romane in Beziehung setzen? Wie lässt sich aus den sozialwissenschaftlichen Thesen ein Werkzeug für die Analyse entwerfen?
- Wie werden soziale Ungleichheiten und milieuspezifische Differenzen bezüglich alltäglicher Verhaltens- und Wahrnehmungsroutinen in den Romanen konkret dargestellt?
- Wie werden die individuellen Perspektiven der Figuren und Erzähler auf allgemeingültige Produktionsprozesse sozialer Ungleichheit bezogen? Welche narrativen Strategien, ästhetische Besonderheiten und stilistische Mittel lassen sich diesbezüglich ausfindig machen?
- Inwiefern lassen sich aus den Romanen Ableitungen zum Verständnis der politischen Landschaft und vorherrschende Diskurse in Frankreich treffen? Handelt es sich um ,engagierte‘ Texte?


Und sonst so? – WEITERE INFOS

- Alle Texte werden Ihnen in digitaler Form zur Verfügung gestellt
- Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme ist die Bereitschaft zur vollständigen Lektüre der Romane sowie eine regelmäßige aktive Teilnahme
- Es besteht die Möglichkeit, sich dieses Seminar für das Modul „Französische Literaturwissenschaft 2 – Neuere französische Literatur“ anrechnen zu lassen