Hauptseminar: Aufklärung und Legende. Johann Salomo Semler im Kontext - Details

Hauptseminar: Aufklärung und Legende. Johann Salomo Semler im Kontext - Details

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Allgemeine Informationen

Veranstaltungsname Hauptseminar: Aufklärung und Legende. Johann Salomo Semler im Kontext
Semester WiSe 2025/26
Aktuelle Anzahl der Teilnehmenden 13
Heimat-Einrichtung Theologische Fakultät
Veranstaltungstyp Hauptseminar in der Kategorie Offizielle Lehrveranstaltungen
Nächster Termin Montag, 19.01.2026 16:15 - 17:45, Ort: (SR B)
Lehrsprache(n) Deutsch

Räume und Zeiten

(SR B)
Montag: 16:15 - 17:45, wöchentlich (14x)

Modulzuordnungen

Kommentar/Beschreibung

Der Hallesche Theologe Johann Salomo Semler (1725–1791), 40 Jahre lang Dekan der Theologischen Fakultät, hat sich an allen zentralen Debatten des 18. Jahrhunderts seit den 1750er Jahren beteiligt. Er gehört zweifellos zu den wichtigsten und vielseitigsten Autoren der – nicht nur theologischen – Aufklärung. Bis heute führen einige eine völlig neue Art von Theologie, die „Neologie“ auf ihn zurück und sehen in Semler die Gründerfigur des theologischen Liberalismus. Schon zu Lebzeiten wurde ihm die Urheberschaft der „historisch-kritischen Bibelauslegung‘ und später eine zentrale Rolle bei der „hermeutischen Wende“ des 18. Jahrhunderts zugeschrieben. Allerdings verteidigte er die biblischen Wunder gegen ihre radikalen Bestreiter die vor allem in der Debatte um die sogenannten, von G.E. Lessing herausgegebenen Wolfenbütteler Fragmente hervorgetreten waren. Zugleich positionierte sich Semler als Theologe dezidiert antijüdisch und katalysierte die Grunddifferenz zwischen Judentum und Christentum mit langanhaltender Wirkung. Er adaptierte und kritiserte den Diskurs um Besessenheit und die ältere christliche Dämonologie um Teufel und Dämonen, die 1759 im Streit um die sog, Lohmannsche Besessenheit ausgebrochen war und über die Debatten um Nekromanten wie J.G. Schröpfer und Exorzisten wie J.J. Gaßner hinausragte. Semler hat dabei für eine psychopathologische Diagnostik übersinnlicher Phänomene votiert und den Teufelsglauben ins Judentum verschoben. Seinem Verständnis von „vernünftigem“ Christentum setzte er unvernünftige Religionsformen entgegen, manche hielten ihn für einen Vernunft-Diktator. Semler differenzierte zwischen privater und öffentlicher Religion, verteidigte aber auch die Zensur und sogar das Verbot theologischer Debatten durch den preußischen Staat. Er attackierte Freimaurer und Illuminaten, sympathisierte aber zugleich mit geheimen hermetischen, theosophischen und alchemischen Traditionen, ja soll sogar Wunderheilungen mithilfe eines alchemischen Medikaments durchgeführt haben. Die Visionen des schwedischen Geistersehers Emanuel Swedenborg hielt er für denkbar, ja er übernahm auch Teile seiner Lehre und votierte wie Swedenborg für ein überkonfessionelles praktisches Christentum – ohne Aufhebung des Konfessionen und zugleich bei striktem Antikatholizismus und vehementer Warnung vor einem revolutionären Umsturz, der sich 1789, am Ende seines Lebens, ja in Frankreich noch vollzog.
Kurzum: in Werk und Person Semlers zeigt sich die ganze Gebrochenheit und Heterogenität der sogenannten „Aufklärung“, aus der erst die modernere Historiographie vermeintlich abergläubische oder esoterische Positionen und Lehren herausgeschnitten hat. Dieser Legendenbildung gehen wir im Seminar ebenso auf die Spur wie Semlers Kontexten selbst. Die Aufklärung der Aufklärung und ihrer Legenden steht zur Debatte.
Das Seminar findet im 300. Jahr der Geburt Semlers statt. Vom 22. bis 25. Oktober 2025 veranstaltet das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung und der Lehrstuhl für Kirchengeschichte eine internationale und interdisziplinäre Tagung zu Semler, die in den Ablauf des Hauptseminars eingebunden sein wird und die einmalige Möglichkeit einer vertieften Kenntnis dieser Perspektive der aktuellen integrierten Aufklärungs- und Pietismusforschung bietet.